Charakter und Gewand der Buchstaben
bei Willi Bahner


Jakob Mayr, AundO

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Werk des Gebrauchsgrafikers und Schriftgestalters Wilhelm (Willi) Bahner, welches die Inspiration für die Schrift AO Bahner bildete.


Der Weg zur Schrift
Willi Bahner wurde 1906 in Neutitschein (Nový Jičín), Mähren geboren. Bereits mit 16 Jahren ging er nach Wien, um Maler zu werden, zeichnete Akt auf der Kunstgewerbeschule und lernte Kupferstich an der Graphischen Lehranstalt. Von 1924 bis 1929 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Malerei bei Rudolf Jettmar und Ferdinand Andri. Seine ›starke Vorliebe für das Theater‹1 brachte Bahner 1929 dazu, am Reinhardt-Seminar Bühnenbild bei Alfred Roller und Oskar Strnad zu studieren.2 Ab 1931 begann er als Bühnenbildner im Theater in der Josefstadt. Aus dieser Beschäftigung sind frühe grafische Arbeiten erhalten: Konstruktivistisch anmutende Schriftplakate, die etwa an Arbeiten von Mathilde Flögl oder den Wiener Kinetismus von Erika Giovanna Klien erinnern.3 Ab 1932 war er Bühnenbildner und Leiter des Kostümwesens für Burg- und Akademietheater, 1936 gestaltete er Kostüme für die Salzburger Festspiele und arbeitete seitdem ›an fast allen Wiener Theatern‹,4 fallweise auch für Film und Fernsehen.

Im ›Anschluss‹-Jahr 1938 zog sich der 32-jährige Bahner aus den Theatern zurück und beschloss sich der ›fast ausschließlich graphischen Arbeit‹ zu widmen und übernahm verschiedene Lehrtätigkeiten.5 Erst in der Nachkriegszeit erhielt er eine Vielzahl an Anerkennungen und Preisen für seine grafischen Arbeiten, die ihm vermutlich aufgrund seiner sozialdemokratischen Gesinnung bisher verwehrt geblieben war.6 In den nun entstehenden Werken, vor allem den vielen Buchschumschägen, ist nun die Entwicklung eigener typischer Schriften besonders gut zu beobachten.




 
Von Willi Bahner gestaltete Plakate (Auswahl).
Wienbibliothek im Rathaus (P-4487, P-50803, P-50795, P-50818A, P-232690, P-29343).  




Der Buchumschlag als Kostüm

Schutzumschläge werden von Archiven und Sammlungen selten als grafisches Werk, also unter Angabe von Urbeber·innen, gesammelt und archiviert.7 Der Schutzumschlag wurde oft als ›populistisches‹ Marketinginstrument gesehen, dabei wurden Qualitäten vieler Entwürfe verkannt, die man auf einem Plakatentwurf wohl gelobt hätte. Die schweizer Typographischen Monatsblätter schrieben 1950:

›Der Schutzumschlag gehört doch nur so lange zu einem Buche, bis es verkauft ist. Nachher verschwindet er meist im Papierkorb. Zudem ist es eine Binsenfeststellung, dass nicht selten die schäbigsten Kerle untadelig in Kleidung und Frisur auftreten und Unzählige immer wieder auf sie hereinfallen. [...] Streng genommen ist der Schutzumschlag kein Bestandteil eines Buches; in seiner heutigen Form ist er nur reklamebedingt.‹8



Die ›Einkleidung‹ von Büchern beherrschte Willi Bahner hervorragend. Ab 1938, als er begann, sich auf Gebrauchsgraphik zu konzentrieren, bis wenige Jahre vor seinem Tod 1981 schuf er unzählige Buchumschläge, vor allem für die Verlage Paul Neff, die Büchergilde Gutenberg, Buchgemeinschaft Donauland und den Verlag der Wiener Volksbuchhandlung.






Aufgrund dieser beschriebenen Situation war die Recherche außerhalb der Archive, in öffentlichen Bücherschränken und Antiquariaten deutlich ergiebiger, und wir konnten bisher über hundert Umschläge identifizieren. Dies war möglich durch die unverkennbare Merkmale der Schrift (zu nennen ist hier vor allem das typische kleine ›t‹, mit runder Kehlung am Balken und dem oft fehlenden Abstrich an der Grundlinie) sowie sein Monogramm ›WB‹. Ein Buchumschlags-Sujet direkt auf dem Front-Cover zu signieren. Dies wirkt heute unüblich, jedoch ist es auch schon vor Bahner zu beobachten, etwa bei Rudolf Köhl. Es scheint, als wurde die Umschlaggestaltung damals als geschlossenes grafisches Werk bewertet. 








Von Willi Bahner gestaltete Buchumschläge (Auswahl).




Bahner als Schrift-Bildner
Neben seiner grafischen Tätigkeit unterrichtete Bahner an verschiedenen Schulen – Theaterschulen, Modeschulen, und Volkshochschulen – Kostüm und Bühnenbild, (Mode-)Illustration und Grafik. Ab 1945 übernahm er die Stelle für Schrift an der Wiener Frauenakademie nach dem Ausscheiden von Johannes Cech. 

Ab 1961 war er Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, von 1965 bis 1976 leitete er die Meisterklasse für Schrift und angewandte Schriftgestaltung. Dort bildete er eine neue Generation von Grafikdesigner·innen aus, die das moderne Corporate Design ab den 70er Jahren prägten.9 Bahners Schüler berichten, dass sein Lehransatz sehr modern und darauf ausgelegt war, ihr eigenständiges Schaffen zu fördern.10 

In einem Aufsatz lobte Bahner die Moderne für ihre Ablösung von klassischen Schönheitsidealen: ›In unserer Zeit, die sich von den Fesseln des alten ›Schönheitsideals‹ befreit hat […], sind praktisch auch die Grenzen zwischen Volkskunst und hoher Kunst verschwunden. Wir sehen in Abbild und Sinnbild, Ornament und Schmuck die Richtigkeit des Sinnes und des Gefühls, die hinter diesen Arbeiten stehen.‹ Gleichzeitig stellte er sich die Frage, nach dem selbstständigen Schaffen: […] in einer Welt, die von Klischees starrt, in der alles voll ist, von vorgefaßten Meinungen, präparierten Begriffen, Formeln, Symbolen und Slogans. Wie soll ein Mensch in diesem Wust von Typisierung, Uniform, seelenloser Gleichartigkeit etwas eigenes wollen […]?11


Systematik nach Gefühl

Im Spannungsfeld zwischen Standardisierung und persönlichem Ausdruck bewegen sich auch Bahners Schriftentwürfe: Ab den 1950er-Jahren entwickelte er etwa in seinen Buchumschlägen und Plakaten eine eigene Variante der modernen Groteskschriften. Wenn man seinen Hintergrund im Theater bedenkt, könnte man vielleicht sagen, dass er sich der Gestaltung von Schrift-Sujets wie einem Bühnenbildner näherte, den Buchstaben (engl. ›Characters‹) mit dem Auge eines Kostümbildners: Während die Schriften eine homogene Kompagnie ergeben, stechen einzelne ›Hauptfiguren‹ – etwa das kleine ›t‹ zweistöckige ›g‹ – hervor. Die Form des Handletterings gab Bahner ihm die Freiheit, einzelne Buchstaben stetig weiterzuentwickeln, leicht abzuändern, einmal ein einstöckiges, dann wieder ein zweistöckiges ›g‹ zu verwenden. 

Die markantesten Veränderung zwischen den Sujets sind sicherlich die verschiedenen Gewichte: Es gibt eine große Bandbreite von sehr leichten bis sehr schweren Schnitten. Seltener wird auch eine schräge Variante verwendet. Wenn man alle Entwürfe zusammen betrachtet, lässt sich daraus eine relativ konsistente Schriftfamilie ableiten, auch wenn es diese nie als Druckschrift erschien.12 Bahner dachte diese Schrift sicherlich nie so systematisch wie etwa Adrian Frutiger seine Univers. Jedenfalls hatte er aber ein sehr gutes Gefühl für die Variablen einer solchen modernen Schrift, das es ihm ermöglichte, auf die aktuelle Gestaltungsaufgabe zu reagieren. 

Diese Eigenschaften haben die Entwicklung unserer Interpretation AO Bahner informiert. Neben einer breiten Palette an Schriftgewichten und der Neigung wurden alternative Glyphen integriert, sowie ein ›Small Caps‹-Feature zur Verringerung der Versalhöhe für den Satz bei sehr geringem Zeilenabstand. Das Feature ›Kontextuelle Alternativen‹ übersetzt die Lebendigkeit des Handletterings in die digitale Schrift indem es algorithmisch Buchstaben mit leicht variierter Kontur in den Text einstreut.




Weihnachtskarte von Willi Bahner 1959. Sammlung AundO
Weihnachskarte von Willi Bahner 1958. Sammlung AundO.
Weihnachtskarte Willi Bahner 1953. Sammlung Aundo.





Quellen
1
›Willi Bahner als Schrift- und Buchgestalter‹, in: Österreichisches Jahrbuch für Exlibris und Gebrauchsgraphik, S.19
2
Im selben Jahr trat er als Schauspieler in einer Nebenrolle in der Vorstellung des Jedermanns unter der Regie von Max Reinhardt.
3
Plakate ›100 Jahre Josefstadt‹, Wienbibliothek im Rathaus, ID-Nr. AC10638021 und ID-Nr. AC10638013. Weitere Werke sind die Hausbeschriftungen des Theaters an der Wien (Vgl. Rathaus-Korrespondenz; 24.5.1962, Bl. 943)
4
Rathaus-Korrespondenz: 15.5.1963, Bl. 963
5
Bahner, Willi: Lebenslauf. Maschinenschriftliches Typoskript, undatiert. Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, ID-Nr. AC15900308.


6
Bahners Plakate wurden mehrfach bei der Plakatwertungsaktion ausgezeichnet (Vgl.: Rathaus-Korrespondenz [RK], 3.4.1951, Bl. 509; RK 9.1.1956, Bl. 28; RK 21.6.1960, Bl. 1211, RK 13.2.1961, Bl. 252). Mehrere von ihm ausgestatteten Bücher wurden zu den schönsten des Jahres gewählt. (Vgl. RK 15.5.1963, Bl. 963). 1966 war Bahners Werk neben Epi Schlüsselberger, Kurt Schwarz und Wilfried Zeller-Zellenberg. auf der Internationalen Biennale für Grafikdesign Brno vertreten. 1961 wurde seine Arbeit in der von von Hans Fabigan kuratierten Ausstellung ›Das Plakat als Ausdruck der Gesellschafts-, Kultur- und Sittengeschichte seiner Zeit‹, neben Toulouse-Lautrec, Klinger, Cassandre, Kollwitz, Picasso, Matisse sowie Kosel, Paar oder Proksch in der Wiener Arbeiterkammer ausgestellt. (Vgl.: Die Sixties, die Plakate und die Werbung in Wien – Austrian Posters)


7
Das Museum für angewandte Kunst Wien hat eine solche Sammlung, bisher aber mit einem starken Fokus auf Werke des 19. Jahrhunderts; aus dem 20. Jahrhundert ist vor allem Kurt Schwarz stark vertreten. Die Österreichische Nationalbibliothek sammelt alle in Österreich erschienenen Bücher. Die Schutzumschläge sind (oft grob zugestutzt) auf der U3 der Bücher eingeklebt zu finden. Somit bildet die Bibliothek die beste Ressource zu Schutzumschlägen, wenngleich keine Katalogisierung nach Gestalter·in erfolgt.
8
Gedanken zu den schönsten Schweizer Büchern des Jahres 1949. / ‹Rz› in: Typographische Monatsblätter, 1950. Zitiert nach: Photobibliothek.ch - Kleine Geschichte des Schutzumschlags (Zugriff am 28. Juli 2025).
9
Zu seinen Schülern zählten unter anderen die später in Werbung und Corporate Design erfolgreichen Gestalter Friedrich Eisenmenger, Josef Oberauer, Franz Merlicek und Joey Badian. Letzterer sagte über Willi Bahner: ›Das Wichtigste, das mit Willi Bahner in der Meisterklasse für Schrift und angewandter Schriftgestaltung mitgegeben hat, waren zwei Dinge: Liebe zur und Wissen um Schrift und die Bedeutung von Corporate Design. Obwohl er der älteste Professor auf der Hochschule war, war er mit Abstand der modernste‹. (Vgl.: Kern, Anita: Österreichisches Grafikdesign im 20. Jahrhundert, S. 348).
10
AundO: Gespräch mit Walter Persché am 4.12.2025.
11
Bahner, Willi: ›Was ist im Laienschaffen erlernbar‹ in Stern, Robert (Hg.): ›Schöpferische Freizeit, Künstlerisches Schaffen des arbeitenden Volkes, Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes: 1958, S.131
12
Von Bahner ist nur eine Entwurf für eine Druckschrift dokumentiert: WEGA sollte bei der Schriftgießerei Klingspor erscheinen, diese blieb schlussendlich jedoch unveröffentlicht.


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Die Schrift AO Bahner



AO Bahner in Anwendung
(Design Zoran Pungerčar für No Press)
AO Bahner Specimen
(coming soon!)




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Impressum / Kontakt David Einwaller, Jakob Mayr
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